Ich, Lederstrumpf

Ich, Lederstrumpf, bin da, halte inne, lausche auf Stimmen und versuche, den Geruch von Feuer und Rauch einzufangen. Nichts. Aber irgendwo hier muss es sein.
Seit vier Tagen schleppe ich mich nun durch die Wildnis. Die Wunde in meinem rechten Oberschenkel hat sich zu einem feuerroten Krater ausgeweitet. Die Pfeilspitze, die das Leder durchschlagen hat, war in Wolfskot getaucht, wie die Irokesen das oft tun. Dem, der auf mich geschossen hat, habe ich Pulver und Blei zu schmecken gegeben. Gegen die Schmerzen, den Durst und die wütende Hitze, die seit gestern in sich steigernden Wellen durch meinen Körper rast, ist das keine Hilfe. Mein Bein ist ein glühender Stumpf, doch ich wage es nicht, das Leder von meiner Haut zu ziehen. Zu groß ist die Gefahr, dem Zahn einer Kreuzotter zu begegnen: Ein Augenblick der Unachtsamkeit, ein falscher Tritt, die Schlange wirft sich herum und schlägt ihren giftigen Biss in das, was die Berührung verursacht hat.

Ich sehne mich nach den Wigwams der Mohikaner, der Geborgenheit ihrer Tipis und nach den Händen von Nari-ta-Ka, die den Schmerz von meiner Haut streicht. Aber der Weg ist weit, zu weit. Da ist der See, von hier oben gut zu sehen: Der riesige See, den die eingeborenen Großes Glitzerwasser nennen, eine unüberwindbare Barriere, vier, fünf Tagereisen. Ich schaffe noch einen Tag, vielleicht einen zweiten. Meine Rettung ist Narrow Lake, eine Ansiedlung von Fallenstellern, die sich irgendwo hier befindet, wo der See eine schmale Stelle bildet. Und richtig: Vor meinen Augen weitet sich endlich die Lichtung.

„Heiho, Menschen da?!“
Kein Laut, nur der Wind, der durch die Kronen der Birken fährt. Nur Wind und der Duft von gefallenem Holz. Aber da sind die Spuren: Niedergetretenes Gras, geknickte Äste.
„Heiho!“
Stille.

Mit Mühe erklimme ich einen Findling, der etwas Aussicht bietet. Ich schaue mich um, und da erkenne ich die Mauer, vielmehr den Rest, der davon übrig ist, einen kläglichen Wall aus Steinen, schon überwachsen, überwuchert. Die Siedlung ist verlassen. Und schnell wird mir klar, die Spuren, denen ich gefolgt bin, waren Spuren von Luchs und Bär, vielleicht auch Wölfe: Letzte Nacht habe ich sie aus der Ferne heulen gehört. 

Die Siedlung jedenfalls ist leer, schlimmer noch, sie ist dem Erdboden gleich, keine Feuerstelle, kein Dach, einzig der Rest einer Blockhütte vermag etwas Schatten zu geben. Die Sonne steht als glühende Scheibe am Himmel. Meine Zunge ist eine Scherbe, die an meinem Gaumen klebt.
Also hinunter zum See!

Ich finde die Bucht, von der aus die Pelzjäger die Beute auf ihre Kanus verfrachtet haben müssen. Das Wasser ist bräunlich gefärbt vom Eisen, aber ungetrübt, und es gewährt einen Blick bis zum Grund. Die Fische spielen. Der erste Schluck Wasser ist eine Erlösung.

Der See liegt vor mir, eine unermessliche Fläche. Ich strecke mich auf dem Felsen aus, der in den See ragt. 

Ein friedlicher Ort. Ein guter Ort, um zum bleiben. Ein in guter Ort um zu … Ich komme mit dem Gedanken nicht zu Ende, denn da sehe ich den Fleck, den Farbtupfer zwischen den Bäumen. Da ist es!

Quer über den Sund liegt ein Haus! Wenig weiter ist nun ein Steg zu erkennen. Die Ansiedlung ist nicht verlassen. Sie haben sie nur verlegt. Es ist alles noch da, dort drüben, da ist es, und das ist meine Rettung!
„Hei ho! Menschen da?“
Keine Antwort. Nichts rührt sich?
„Hei ho!“ Ich stelle mich auf, lege die Hände an den Mund und bilde einen Trichter. „Hei ho!“ Der Wald wirft meine Stimme über das Wasser zurück.
Ich lade meine Büchse. Mehr als einmal habe ich sie verflucht in den letzten Tagen, weil sie kraftlos über meinen Schultern hing und mir beim Gehen in die Fersen schlug. Nun bin ich froh. Meine Büchse. Meine Donnerbüchse. Meine beste Gefährtin.


Der Schuss kracht und erfüllt die Landschaft. Empört fliegt ein Schwarm Blesshühner auf. Das Donnern verebbt, eine abrollende Welle. Einen Moment steht die Welt still,  der Himmel, der Wald, das Glitzerwasser. Und ich.
Wir lauschen, was kommt.
Dann öffnet sich drüben eine Tür. 

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